Teil 2 der Interviewreihe mit Britta Bonten (bontext):
So regeneriere ich im Alltag
Hohe Anforderungen umgeben uns – quasi immer. So zumindest fühlt es sich in den letzten Jahren für mich an. Die Messlatte rückte unmerklich höher. Und noch ein bisschen höher. Die Leistungserwartung nahm zu. Entweder andere stellen Forderungen an mich - oder ich stelle sie mir selbst.Ich durchlebe Phasen von Druck, Anspannung und Stress. Meist komme ich gut damit zurecht, denn ich bin gern im Tun und in Aktion.
Manches Mal beschleicht mich, eher versteckt und oft noch symptomfrei, das Gefühl, überfordert zu sein. Ja, auch damit kann ich leben. Zumindest eine Weile. Die Frage ist: Wie gut lebe ich mit diesem Erwartungsdruck? Wie lange bleibe ich in diesem Setting von „Leistung erbringen, Zeit einsparen, mehr Leistung erbringen“? [1] Wie glücklich bin ich mit meinem Leben? Wenn ich mein Glücksniveau mit dem Glücksgefühl meiner Mitmenschen vergleichen möchte, gibt mir beispielsweise der OECD Index[2] Auskunft. Das ist ein Anfang, es reicht mir allerdings nicht.
Meine drei wichtigsten INSTANT-Energiespender
Ins Yogatraining gehen, eine Bergtour unternehmen, einen schönen Ausflug mit der Familie machen, einen Saunabesuch genießen … All diese wunderbaren Dinge sind effektive Ausgleichsbringer für mich. Nur - manchmal möchte ich, dass es schnell geht. Dass die Stressbelastung augenblicklich und mühelos zurückgeht. Mir stehen vielleicht gerade nicht die Mittel und Wege offen, einen meiner genannten Ressourcenspender in die Tat umzusetzen. Für derartige Wünsche nach Akutentspannung habe ich mir in den letzten Jahren so manchen kleinen Trick und einfache Methoden angeeignet.
On the fly: So stärke ich mich zwischendurch
Es gibt eine Menge Wege und Techniken, um sich wieder quicklebendig zu fühlen und wie ein Quirl die nächsten Schritte zu unternehmen. Zu meinen wichtigsten Quellen zählen:
- #1 Mini-Pausen mit Kontextwechsel
- #2 Einfaches, bewusstes Gehen
- #3 Atmen und Innehalten – meine „Ich-mit-mir“-Momente
#1: Die Minipausen beim Arbeiten (z.B. beim Schreiben von Blogartikeln wie diesem) fülle ich mit einem kurzen Gang in ein anderes Zimmer, vielleicht einem Smalltalk oder einer kurzen Kontaktaufnahme mit einem Familienmitglied (sofern anwesend und gesprächsbereit) oder mit dem Aufhängen der Wäsche. Der andere Kontext bringt mir in etwa 10 Minuten neuen Schwung und möglicherweise sogar eine zündende Idee fürs Schreiben! Übrigens hilft auch die Pomodoro-Methode aus dem Zeitmanagement[3] dabei, einen Langstreckenlauf in kleine, verdaubare Sequenzen einzuteilen, sprich die Arbeitseinheiten besser zu dosieren.
#2: Gehe langsam, wenn du es eilig hast.[4] Mit dieser Devise hole ich mich seit einiger Zeit immer dann aus der Tempospirale heraus, wenn ich merke, ich gebe unnötig Gas in meinem Alltag oder beim Arbeiten. Beim Gehen richte ich meinen Fokus auf die Berührung des Fußes mit dem Boden. Ich spüre hin, wie sich der Untergrund anfühlt und wie der Fuß abrollt. Das gelingt mir nur im langsamen, bewussten Gehen, und bereits nach ein paar Schritten bin ich wieder besser geerdet. Mittlerweile erkenne ich mit dieser kleinen Übung der Achtsamkeit sehr bald, wie ein Teil der Anspannung von mir abfällt und spontane Erholung eintritt.
#3: Atmen ist ein Reflex – wie gut! Und doch kann ich es auch steuern. Die Atmung ist die wichtigste und die einfachste Stellschraube in meinem dreiteiligen Instant-Regenerationsset.
Ein – Aus.
E i n - - A u s .
E i n - - - A u s .
Bewusstes Atmen ermöglicht mir, zu meinem Körper zurückzukehren und einen so wertvollen Ich-mit-mir-Moment zu kreieren. Und dabei schicke ich meinen äußeren Blick in die Ferne (wenn möglich aus dem Fenster) und einen achtsamen inneren Blick in meine Schultern. Sind sie angespannt und hochgezogen? Seit ich herausfand, dass meine rechte Schulter häufig etwas höher steht, weil der Schultermuskel sie dort gern fixiert, kann ich eine meiner zentralen Hochspannungsstellen in Sekundenschnelle loslassen.
Zeitmanagement ist nur die halbe Miete – Bewusstheit und Achtsamkeit als elementare Zutaten für sofortiges Regenerieren
Grundsätzlich halte ich als mein Credo in puncto Ressourcenschöpfen und Schnellentspannung fest, dass zwei unterschiedliche Komponenten der Selbstführung eine Rolle spielen. Dies ist für mich die Quintessenz beim Sofort-Entspannungswunsch. Ein regelmäßig zu überprüfendes Zeitmanagement bildet die Basis für effektives und effizientes Abarbeiten meiner Aufgaben. Dazu gesellen sich das bewusste Wahrnehmen meines Körpers und meiner Gedanken sowie Achtsamkeit für die Dinge, die um mich herum passieren.
Die Methoden #1 bis #3 kombiniert ergeben für mich ein Instant-Regenerationspaket mit hohem Wirkungsgrad. Je nach Situation lässt sich auch nur eine der drei Praktiken anwenden. Wichtig ist mir, dranzubleiben an der Selbstbeobachtung, am Ausprobieren und an der Gelassenheit. Und subjektiv empfunden haben sich in den letzten Jahren trotz des oben beschriebenen Alltagspensums im Höher-Schneller-Weiter-Modus meine Selbstwirksamkeit und meine Lebensqualität erhöht.
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[1] Leseempfehlung zu einer kritischen Hinterfragung unseres Umgangs mit dre Zeit: Lesch / Geißler / Geißler: Alles eine Frage der Zeit, https://www.oekom.de/buch/c-421
[2] Glücksindex https://www.oecdbetterlifeindex.org/de/#/11111111111
[3] Pomodoro-Technik: Hintergründe, Details und Tipps vom Begründer, dem Berater Francesco Cirillo, https://francescocirillo.com
[4] Aus Japan, ursprünglich: „Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg.“
Bekannt geworden auch durch Lothar Seiwerts Buch mit dem Titel „Wenn du es eilig hast, gehe langsam.“
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Die vollständigen Antworten von Britta und von mir zum Thema REGENERIEREN sind hier zu lesen und auch als LinkedIn Post vom 09.02.2022 veröffentlicht.